Im Zeitgespräch - Nachhaltigkeit
Meinungen und Trends zu den wichtigen Themen rund um Cotton made in Africa
Was heißt Nachhaltigkeit?
Ein Konzept macht Karriere
Kein Begriff wird in der Umweltdebatte häufiger verwendet. Und keiner wird so oft missverstanden. Es gibt Schätzungen, wonach weltweit 800 verschiedene Definitionen von Nachhaltigkeit in Umlauf sind und diskutiert werden. Es empfiehlt sich, die Karriere dieses Begriffs zu seinen Anfängen zurückzuverfolgen. Die erste weltweit akzeptierte Festlegung stammt aus dem sogenannten Brundtland-Report von 1987. Er hält nur solche Entwicklungen für nachhaltig, "die den Bedürfnissen der heutigen Generation entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu schmälern, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen".
Der Report, benannt nach der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, schlug einen Vertrag zwischen den heute lebenden Menschen und ihren Nachkommen vor. Dahinter verbarg sich die etwas pathetische, aber damals oft zitierte Mahnung Wilhelm Buschs: "Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen." Die Unschärfe dieser neuen, ganze Epochen übergreifenden Verantwortungsethik liegt schlicht darin, dass wir die Bedürfnisse künftiger Generationen nicht kennen. Welche Rohstoffe etwa sollen wir schonen und ihnen vererben, welche werden in Zukunft durch revolutionäre Technologien völlig obsolet?
Die nächste Phase der Nachhaltigkeitsdebatte bestand darin, einfach das alte Wort "Umweltschutz" durch das moderner klingende "Sustainability" zu ersetzen. Als Leitlinie galt, bei allen wirtschaftlichen Tätigkeiten die Umwelt, das Klima und die Ressourcen der Erde so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.
Im vergangenen Jahrzehnt kristallisierte sich als neuer Konsens heraus, unter Nachhaltigkeit die gelungene Balance zwischen drei Interessenpolen zu verstehen: wirtschaftliche Entwicklung, ökologische Belange und soziale Erfordernisse. Damit wird deutlich, dass es nicht um objektiv festlegbare Kennziffern und Grenzwerte geht, sondern um die Abwägung zwischen unterschiedlichen und sich oft widerstreitenden Werten, die jede Gesellschaft und jedes Unternehmen für sich zu treffen hat. Interessen gewichten, Wichtigkeiten festlegen, einen Mittelweg finden: Das kennzeichnet das moderne Management von Nachhaltigkeit. "Triple Bottom Line", das Gewichten der drei oben genannten Säulen, stellt Politiker und Manager ins Dilemma, eigentlich Unentscheidbares zu entscheiden. Wann sind Arbeitsplätze wichtiger als die Grenzwerte für Luftbelastung? Dient es der Umwelt, wenn eine Firma Konkurs anmelden und ihre Beschäftigten entlassen muss, weil in Entwicklungsländern Öko-Dumping betrieben wird? Ist die Orientierung der Unternehmensführung an Aktienkurs und Shareholder-Value wirklich nachhaltig im Sinne von "dauerhaft erfolgreich"? Für jedes Umweltprogramm, das viel Geld kostet, müssen der Sinn und die entlastenden ökologischen Folgen nachgewiesen werden; die Probleme sind vielfältig (Klimaschutz, Ausbreitung von Wüsten, Trinkwasserknappheit, Abholzung von Regenwäldern ...) und die staatlichen Budgets beschränkt. Deshalb ist es wichtig, die richtigen Prioritäten beim Engagement zu setzen.
Nachhaltigkeit muss immer wieder neu ausgehandelt werden
Verantwortungsethik fragt nicht nach Gesinnungen, sondern nach Ergebnissen. Die allerdings, und das macht die Sache kniffelig, treten erst in der Zukunft auf. Das bringt die Wissenschaftler auf den Plan. Sie sollen vorhersagen, welches der Umweltprobleme das bedrohlichste werden könnte; wann welche Ressourcen erschöpft sein werden; welche Investition zur Sanierung von Luft, Boden und Wasser wohl die lohnendste ist. Aber wie komplex die Modelle auch sein mögen, es bleiben Restzweifel, welches die richtige, sprich wahrlich nachhaltige Strategie ist, um die Fehlallokation von Geldern zu vermeiden. Es kann sein, dass Ausgaben für Frauenbildung und Geburtenkontrolle in Afrika viel größere Umweltentlastung zeitigen, indem sie das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamen, als eine gleich teure Abfallvermeidungskampagne in Deutschland.
Fazit: Nachhaltigkeit kann weder wissenschaftlich exakt gemessen noch als Strategie für alle und jede Situation verordnet werden. Es muss im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder neu ausgehandelt werden, welcher Weg der zukunftsfähigste ist. Für den Hausgebrauch können wir uns an einigen einfachen Prinzipien orientieren: Energie sparen, weniger Autofahren, regionale Produkte konsumieren. So kann auch der Normalbürger Verantwortung über Kontinente und Generationen hinweg übernehmen. Die Vision lautet: "Hinterlasse die Welt besser, als du sie vorgefunden hast."
Text: Michael Gleich