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Im Zeitgespräch - Nachhaltigkeit

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Meinungen und Trends zu den wichtigen Themen rund um Cotton made in Africa

Härte des weißen Goldes
Der Schriftsteller Érik Orsenna reist durch die globalisierte Welt der Baumwollproduktion. Und entdeckt erste Ansätze gerechten Handels.

"Ein Mensch bemerkt im Vorbeigehen einen Strauch, an dessen Zweigen weiße Flocken hängen. Es ist anzunehmen, dass er die Hand danach ausstreckt. Und so hat die Menschheit die Weichheit der Baumwolle entdeckt."

Heute wird sie zwischen dem 37. nördlichen und dem 32. südlichen Breitengrad angebaut, auf 35 Millionen Hektar in mehr als 90 Ländern. Doch nur vier Länder - China, USA, Indien und Pakistan - liefern 70 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion. Gefolgt von Brasilien, dem westlichen Afrika, Usbekistan und der Türkei. Baumwolle ist "das Hausschwein der Botanik", von dem sich alles verwerten lässt und alles verwertet wird: Die Samenhaare sind das Wertvollste. Die langen weißen Fäden, welche die Samenkörner umhüllen, weich, geschmeidig und trotzdem fest. "Unser Schweiß stört sie nicht. Sie lassen sich widerspruchslos tausendmal waschen und genauso oft bügeln." Sie nehmen jede Farbe an und behalten sie. Die Baumwolle hat alle natürlichen Konkurrenten verdrängt. Mit 40 Prozent behauptet sie sich gut gegenüber den 60 Prozent synthetischer Fasern auf dem Weltmarkt. Aber Bekleidung ist nur ein Teil ihres Nutzwertes. Baumwolle wird verwandt für Spezialpapiere, Filmmaterial, Kerzendochte. Ihre Samen sind wegen ihres hohen Eiweißgehalts Bestandteil vieler Tafelöle. Tiere fressen die Pressrückstände der Samen und Samenkapseln. Reste dienen der Industrie bei der Herstellung von Seife, Dünger, Sprengstoff, Pilz- und Insektenvernichtungsmitteln, Gummi und Kunststoffen. Letztlich werden Stiele und Zweige der Baumwollstauden als Tierstreu verwendet und manche Bauern heizen damit.

Welt der Baumwolle

Das erklärt, warum sich mehrere hundert Millionen Männer und Frauen aller Kontinente mit Baumwolle beschäftigen. "Ich ahnte, dass ich, wenn ich meinen Planeten besser verstehen wollte, die Wege der Baumwolle verfolgen musste", schreibt der französische Schriftsteller Érik Orsenna in seinem neuen Buch Weiße Plantagen, für das er eine Reise durch fünf Kontinente und sieben Länder unternommen hat. Er besucht Plantagen in Mali und den Vereinigten Staaten, Forschungslabors und Farmen in Brasilien sowie Museen in Ägypten, ausgetrocknete Seen in Usbekistan, Textilfabriken in China und Frankreich. Spricht mit Politikern, Arbeitern, Farmern und Forschern. Es ist eine Reise durch unsere globalisierte Welt, die er mit unverstelltem Blick beobachtet und gleichzeitig weltweite Zusammenhänge wie den Kampf um Marktanteile, das Streben nach neuen Produkten sowie den Konflikt zwischen multinationalen Konzernen und traditioneller Ökonomie zur Sprache bringt. Er stößt auf Traditionelles, wenn er Frauen des afrikanischen Volks der Dogon beobachtet, die in stundenlanger gemeinsamer Arbeit die Baumwolle walzen und kämmen. Währenddessen plaudern, kichern sie und haben für Reden und Weben ein Wort - Soy. Und er stößt auf zweifelhaftes Fortschrittsstreben: Ein brasilianischer Forscher schwärmt ihm gegenüber vom Gen der Spinne. Übertragen in die Baumwollpflanze könnten ihre Fäden die gleiche Feinheit und Festigkeit wie Spinnweben erlangen. Alles nur eine Frage der Zeit.

Ein Spaziergang durch die Zeit ist auch Orsennas Reise, auf der er liebevoll Details beobachtet, Gespräche nachzeichnet, Landschaften und Menschen beschreibt. Anschaulich, offen, lakonisch und selbstironisch. Orsenna, der bereits 1978 den Prix Roger Nimier und 1988 den Prix Goncourt erhielt, wurde für seine Erkundung der Baumwollproduktion der globalisierten Welt mit dem Lettre Ulysses Award für die Kunst der literarischen Reportage ausgezeichnet.

Garten der Heimkehr

"Reisen heißt sammeln", schreibt Orsenna, der der Geschichte und vielen Geschichten der Baumwolle gefolgt ist. Als "Garten der Heimkehr" bezeichneten Seefahrer jenen Teil des Gartens, in dem sie die auf ihren Fahrten gesammelten Pflanzen aussäten. Orsenna hat nicht Samenkörner der Baumwolle, des "Weißen Goldes", mitgebracht und ausgesät, sondern Geschichten und Eindrücke, die er in seinem Buch aufblühen lässt. Es ist ein Blick hinter die Kulissen, wo einzelne Menschen mit ihren Lebenswegen auftauchen, die jedoch stets aufs Ganze verweisen. Doch das Ganze ist nicht einfach. Wer könne sich schon gerechten Preisen und fairem Handel widersetzen? "Aus Idealismus sind die meisten von uns gerne bereit, für die Baumwolle mehr zu zahlen, wenn dafür der afrikanische Bauer besser entlohnt wird. Aber unwillkürlich muss ich an den brasilianischen Landarbeiter denken. Ist es etwa seine Schuld, wenn die Produktionsweise, an der er teilhat, nicht als gerecht betrachtet wird? Sollte er wegen dieses 'Fehlers', für den er nicht verantwortlich ist, von dieser neuen Gerechtigkeit ausgeschlossen werden." Vom Minimalstaat brasilianischen Vorbilds, der vor allem die Abholzung und Ausbeutung der Erde gewähren lässt, bis zum totalitären Maximalstaat China hat Orsenna die politische Skala der Baumwollstaaten bereist. Angesichts der bestehenden Brutalität der Wirtschaft könnten einzig multilaterale Verhandlungen, nur das Wirken der Welthandelsorganisationen gemeinsame Spielregeln aufstellen und für deren Einhaltung sorgen. Einfache Lösungen scheinen in einem komplexen Gewebe von wirtschaftlichen Beziehungen illusorisch. Doch frei von Resignation stellt Orsenna fest: "Aber die Suche nach Gerechtigkeit kann es ermöglichen, das Wesen der Baumwolle besser zu verstehen. Das Ziel ist erreicht: Ein Bewusstsein entwickelt sich."

 

Orsenna CoverDeutsche Ausgabe:
Érik Orsenna:
Weiße Plantagen.
Eine Reise durch unsere globalisierte Welt,

C. H. Beck Verlag, München 2007,
288 Seiten, 18.90 Euro,
ISBN 978-3-406-55917-4
www.chbeck.de

 

 

Französische Ausgabe:
Voyage aux pays du coton.
Petit précis de mondialisation
.
Hachette, 2007.

Englische Ausgabe:
Journey to the Lands of Cotton.
A Brief Manual of Globalisation
.
Fayard, 2006.

 
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