Weißes Gold, armes Land
Eine Reise zu den Baumwollfeldern in Benin
Man hatte uns gewarnt: "Das Land ist hässlich und je weiter ihr nach Norden kommt, desto hässlicher wird es", erklärte eine Freundin, die lange in Benin gelebt hat. Aber jetzt fuhren wir schon seit fünf Stunden von Cotonou aus in Richtung Norden und der Blick aus unserem Geländewagen hielt uns trotz der Warnung gefangen: Gut, die Landschaft war nicht gerade abwechslungsreich, ja, topfeben und nur ab und zu von mächtigen, kahlen Steinhügeln unterbrochen, die aussahen, als habe sich ein Elefant zum Schlafen gelegt. Doch auf den Ebenen, die man von der Straße aus bis zum Horizont übersehen konnte, hatte eine üppige Vegetation jede Spielart von Grün hervorgebracht: Hinter hohen Gräsern wedelten Palmenzweige und Bananenstauden, überragt von mächtigen Shea- und Afzeliabäumen. Darunter wuselte es überall von Menschen, die mit Töpfen voller Früchte auf dem Kopf oder mit Brennholz im Arm unterwegs waren. Als wollten sie in diesen letzten Oktobertagen noch alle ihre Vorräte in Sicherheit bringen, bevor die harten Monate der Trockenzeit einsetzen.
Drei Millionen Menschen hängen wirtschaftlich
von der Baumwolle ab
Wir waren auf dem Weg in das Baumwollgebiet von Benin, einer im Norden des schmalen Landes gelegenen Zone, die man wegen ihres überwiegend trockenen Klimas geografisch zum Typ der "Trockensavanne" zählt. Der Wechsel zwischen trockener und feuchter Jahreszeit bei hohen Temperaturen begünstigt den Anbau von Baumwolle, die seit Jahrtausenden in Asien, Südamerika und einem schmalen Gürtel nördlich und südlich der Sahara angebaut wird. Manche Quellen behaupten sogar, in Ägypten habe man schon vor 12.000 Jahren Baumwolle kultiviert. Sicher ist: Im alten Babylon nannte man sie "weißes Gold", so wertvoll war sie. Auch für Benin gehört Baumwolle zu den lebenswichtigen Produkten: Rund drei Millionen der acht Millionen Einwohner des Landes hängen wirtschaftlich in irgendeiner Weise von Produktion, Weiterverarbeitung oder Handel mit der Baumwolle ab.
Rund neun Autostunden liegt die Baumwollzone von der Küste entfernt. Unser Fahrer gibt Gas, muss aber ständig Acht geben, nicht die Maniok- und Yamswurzeln zu überfahren, die Bauern am Straßenrand zum Trocknen auf dem Asphalt ausgebreitet haben. Alle waren offenbar mit der Vorbereitung auf die kommenden fünf mageren Monate beschäftigt. "Schaut euch das an!" Younoussa Imorou, unser Begleiter von der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) deutet auf ein Wrack im Straßengraben, das einmal ein Lastwagen gewesen sein musste. "In Benin sterben mehr Menschen im Straßenverkehr als an Aids."
Allmählich werden die Bäume niedriger und die Plantagen seltener. Die rotbraune Erde zeigt vor Trockenheit tiefe Risse. Doch das allein erklärt nicht, warum an vielen Stellen nur noch kümmerlicher Pflanzenwuchs den Boden bedeckt. Massion Akambi, Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium von Benin und zuständig für den Baumwollanbau, hatte uns am Vortag einen längeren Vortrag gehalten über Anbaumethoden und Vorzüge einer ökologischen Landwirtschaft. "Wir haben in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht", hatte er eingeräumt, "haben viel zu viel Pestizide und Insektizide eingesetzt und die haben dem Boden schwer geschadet. Zudem hat die Überdüngung die Erde ausgelaugt." Akambi, ein kräftiger Mann mit starken Schultern und Armen, hatte deshalb die Initiative "Cotton made in Africa" - auf Französisch "Cemia" genannt - als zukunftsweisend gelobt.
Weniger Kunstdünger, weniger Pflanzenschutzmittel, höhere Ernteerträge und am Ende mehr Geld für die Bauern in der Tasche - das Versprechen von "Cotton made in Africa" klingt ein wenig wie das Märchen vom Sterntaler. Nach Pehonco, dem Ziel unserer Fahrt, weist kein Schild mehr, und die letzten 50 Kilometer auf der vom Regen ausgewaschenen Landstraße erinnern uns mehrfach schmerzhaft an die Vorzüge von Asphalt. Die Entfernungen zwischen den Dörfern, die aus runden Lehmhütten bestehen, werden immer größer und auf den kleinen Feldern jenseits der Straße entdecken wir die ersten Baumwollflocken, die wie Schneebällchen an den Sträuchern hängen.
Bisher haben die Bauern nur wenig verdient
Gerne hätten wir in einem der Dörfer übernachtet. Doch die GTZ, die in dieser Region seit Jahren die Bauern schult, hatte uns abgeraten. Weil sich in vielen Dörfern die Stammesältesten verpflichtet fühlen, jedem männlichen Gast eine Frau für die Nacht in die Hütte zu schicken. Als es dämmert, steht unser Gastgeber Kwalumbo erwartungsvoll am Eingangstor zu einem wie aus dem Nichts aufgetauchten Fabrikgelände und begrüßt uns. Die kleinen, runden, gemauerten Gasthütten gehören ebenso zu seinem Reich wie die riesigen Lagerhallen und Produktionsgebäude. "Willkommen bei CDGA, einer der größten Baumwoll-Entkörnungsanlagen von Benin", sagt er freundlich. Kwalumbo ist der "Chef de l’usine", der Fabrik-Manager. Wem sie gehöre? Kwalumbo sieht uns an, als hätten wir gefragt, wem die Nase in seinem Gesicht gehöre. "Monsieur Talon", sagt er. Da ist er wieder, der Name.
Wer immer in Benin mit Baumwolle zu tun hat, wird dem Namen Talon begegnen. Die Talons zählen zu den reichsten Familien des Landes, weil Pierre Talon, der Firmengründer, schon vor vielen Jahren die Entwicklung kommen sah und sich als Händler selbständig machte, als der Baumwollsektor in Westafrika noch fest in staatlicher Hand war und an seinem Bürokratismus allmählich erstickte. Heute ist der Handel weitgehend liberalisiert und der Prozess der Privatisierung hat auch die Entkörnungsanlagen und die wenigen weiterverarbeitenden Textilfabriken erfasst. Talon ist einer der Partner von "Cotton made in Africa", neben den weltweit größten Baumwollhändlern Dunavant und Reinhardt.
Erst am nächsten Morgen fühlen wir uns richtig angekommen in den "cotton fields back home". Das der Entkörnungsanlage nächstgelegene Dorf strahlt eine betörende Ruhe aus, barbusige Frauen tragen Wasserkrüge zum Dorfplatz, auf dem ein Feuer brennt. Unter einem Strohdach sitzen zwei alte Männer im Schatten und weben an altertümlichen Webstühlen dickes Garn zu Stoffstreifen. Es ist keine Armutsromantik, wenn man hier eine Zufriedenheit zu spüren glaubt, die nicht an materiellen Wohlstand gebunden ist. Gerade deshalb wächst die Wut, wenn man erfährt, wie wenig man diesen Bauern für ihre Arbeit bisher bezahlt hat. Gera Sinagura ist Baumwollbauer. Für ein Kilo Rohbaumwolle erhielt er im vergangenen Jahr 175 CFA (afrikanische Francs), das sind etwa 25 Cent. Davon muss er Düngemittel, Spritzmittel und sein Werkzeug bezahlen. Am Ende hat Bauer Sinagura an einem Kilo Baumwolle gerade noch drei Cent verdient. Bis ein Kilo dieser leichten Fasern geerntet ist, haben er und seine Familie viele Stunden gearbeitet.
Es geht aufwärts
Zwei Dörfer weiter, in Sayakrou, haben sich an diesem Morgen die Baumwollbauern der örtlichen Produktionsgenossenschaft "Cotton made in Africa" unter einem Baum auf dem Dorfplatz versammelt, um den Ernteeinsatz zu organisieren. Zwölf Bauern und fünf Bäuerinnen sitzen im Kreis auf einfach gezimmerten Bänken, dann beginnt der Älteste von ihnen mit seiner Rede. "Wie ihr wisst, werden wir in diesem Jahr wieder nicht mehr für die Baumwolle bekommen. Früher hatten wir weniger Kosten und der Preis war höher." Es ist ein Klagelied, das schwarze Sklaven auf den Baumwollfeldern der US-Südstaaten schon vor 150 Jahren gesungen haben. Anders zwar, aber nicht weniger berechtigt. Nur dass die Sklaverei und die Ausbeutung in Sayakrou einen anderen Namen tragen. Sie besitzen hier keinen Strom, kein Radio und keine Zeitung. Und doch weiß jeder Dorfbewohner, warum es ihm schlecht geht. Es geht ihm schlecht, weil die Regierungen der reichen Länder in Europa, vor allem aber die USA, ihre Baumwollbauern mit Milliarden Dollar und Euro subventionieren. Darum ist der Preis auf dem Weltmarkt verfallen. Darum haben die Familien in Sayakrou so wenig Geld.
Eigentlich hatten die meisten von ihnen schon beschlossen, den Baumwollanbau aufzugeben und stattdessen Maniok, Mais oder Soja anzubauen. Damit ist zwar auch kein Geld verdient, aber wenigstens kann man die Produkte essen oder für ein paar Francs auf dem nächsten Markt verkaufen. Doch vor zwei Jahren kamen Landwirtschaftsberater wie Issaka Essotina in die Dörfer und erzählten von "Cotton made in Africa". Sie versprachen billigere Spritzmittel, Schulungen in ökologischem Anbau und vor allem: pünktliche Bezahlung nach der Ernte.
Und? Hat es was gebracht? Bauer Seke Saré überlegt einen Moment, dann zeigt er auf die Hütten im Dorf, die fast alle ein Dach aus Wellblech haben. "An den Dächern kann man leicht erkennen, ob in einem Dorf die Bauern nach der neuen oder nach der alten Methode wirtschaften. Wir haben Wellblech, die anderen noch Stroh. Der Preis für die Baumwolle ist auch für uns noch immer viel zu niedrig, aber immerhin werden wir überhaupt bezahlt." Dann sagt der 35-jährige Vater von sieben Kindern noch einen weiteren Satz auf Bariba, der Sprache dieser Region: "Das Beste aber ist, dass unsere Kinder nicht mehr auf dem Feld arbeiten müssen, sondern jetzt zur Schule gehen."
Eine eigene Schule gegründet
Ein Ziel von "Cotton made in Africa" ist nämlich auch die Bekämpfung von Kinderarbeit in den am Programm beteiligten Ländern Benin, Sambia und Burkina Faso. In Benin besteht zwar eine allgemeine Schulpflicht, doch nur etwas mehr als 60 Prozent aller Kinder können tatsächlich zur Schule gehen. Viele müssen Eltern oder Verwandten bei der Feldarbeit helfen. Bauern von "Cotton made in Africa" haben sich verpflichtet, ihre Kinder auf die Schule zu schicken und sie nur außerhalb des Unterrichts mit aufs Feld zu nehmen.
Im Dorf Dekerou steht eine besondere Schule. Sie ist mit ihren Lehmwänden und den beiden Unterrichtsräumen nicht größer oder schöner als andere Schulen und das Geschrei der Kinder nach Schulende gleicht jenem aller Schulen der Gegend. Das Besondere an ihr kann man nicht sehen, aber Lehrer Marcellin Akpo erklärt es uns: "Hier gab es bis vor zwei Jahren keine Schule. Die wenigen Kinder, die überhaupt zur Schule gingen, mussten bei Hitze oder Regen mehrere Kilometer bis ins nächste Dorf laufen." Auf Hilfe vom Staat warteten die Bauern vergebens. Darum gründeten sie für ihre Kinder eine eigene Schule, bauten das Schulhaus mit eigenen Händen und stellten zwei Lehrer an, die sie aus eigener Tasche bezahlten. "Heute geht jedes Kind aus Dekerou in die Schule", sagt Lehrer Akpo und lässt wie zum Beweis die ganze Klasse auf Französisch bis 20 zählen. Aus 55 Mündern tönt es: "Un, deux, trois ..."
Am anderen Morgen treffen sich die staatlichen Landwirtschaftsberater aus dem Distrikt in der Provinzhauptstadt Kouandé, um über Probleme im Projekt zu diskutieren. Wie in den Dörfern sitzen auch sie im Schatten eines großen Baumes im Kreis und einer nach dem anderen berichtet. Hier fehlt es an Lastwagen, um die geerntete Baumwolle zu transportieren, dort hat der Aufkäufer sein Versprechen gebrochen und nicht pünktlich bezahlt. Wieder an einem anderen Ort sind zugesagte Spritzmittel nie eingetroffen und einige Bauern haben, aus Frust über den schlechten Preis, im vergangenen Jahr statt Baumwolle etwas anderes angepflanzt. Younoussa Imorou, unser Begleiter und Kontaktmann der GTZ, schreibt die Klagen auf. "Wir sind noch am Anfang, Freunde", sagt er, "so ein Projekt braucht einen langen Atem. Aber für diese kurze Zeit ist unglaublich viel passiert. Regierung, private Händler, Hilfsorganisationen und Baumwollbauern haben alle dasselbe Ziel: die Qualität der Baumwolle aus Afrika zu verbessern." Alle klatschen. Dann hupt unser Fahrer. Es sind noch neun Stunden Fahrt zurück nach Cotonou.
Text: Philipp Mausshardt, Zeitenspiegel
Foto: Paul Hahn, laif